Suhrkamp, Außenstelle Lilongwe
6. Juni 2009
Wenn einer eine Reise tut, dann leidet ein völlig unbeteiligtes Verlagsunternehmen. Natürlich. Fangen wir mal ganz von vorne an: Daniel Erk, Student und Journalist aus Berlin, besucht im Jahr 2008 die malawische Hauptstadt Lilongwe. Im Gepäck hat er den Auftrag, den Demokratisierungsprozess im Lande zu befördern. Bezauberndes Afrika, bezauberndes Twitter: Schon bald treffen Pretiosen wie diese hier bei den Daheimgebliebenen ein:

Malawi hält Erk gefangen und der lyrische Nektar fließt stetig, beseelt von viel Neuem. Nun könnte man sich vermutlich darüber freuen, dass man an einer außerordentlichen Erfahrung eines Bekannten teilhaben kann. Aber Daniel Erk hat sich seinen Bekanntenkreis schlecht ausgesucht: Auch missgünstige Teufel wie ich haben seine Telefonnummer. So spaßt man denn unter Freunden, wie lustig es wäre, den verlorenen Afrikaner via Twitter mit einem Verlagsangebot für seine Tweets im Rahmen des Sammelbandes “Twitteratur” zu locken. Sehr lustig, so einigen sich die beteiligten Teufelsmenschen. Sofort wird @suhrkamp aufgesetzt, um Schindluder zu treiben.
Was dann allerdings geschieht, war nicht vorherzusehen: Viele andere Leute beginnen auf einmal, dem fiktiven Suhrkamp Verlag zu followen, offensichtlich aus großem Interesse an Informationen über Verlagsprogramm und Autoren. Die Konsequenz: Der Suhrkamp Account redet mit ihnen, schlägt ihnen Veranstaltungen, Bücher und Autoren vor, erzählt parallel dazu ein paar Anekdoten aus dem Büro. Das Problem: Ich war noch nie im Suhrkamp Büro und muss die ganze Zeit Dinge erfinden, um über Wasser zu bleiben: Dietmar Dath bekommt einen neuen Roman, von dem er selbst noch nichts weiß. Der Georg Büchner Preis bekommt eine Afterhour-Party im U 60311. Ausdrücklich muss auch vor Raubkopien der Alexander Kluge DVDs gewarnt werden, natürlich ein lohnendes Ziel internationaler Markenpiraten. Die Mitarbeiter des tatsächlichen Suhrkamp Verlags bekommen auch etwas: Nichts mit.
Bei all dem Spaß bleibt natürlich keine Zeit mehr, Daniel Erk übel mitzuspielen. Nach einigen Monaten mehr, in denen Blogs sich über die Online-Präsenz des Suhrkamp Verlags lustig machen und schmierige Social Media Berater mit Hilfsangeboten in meiner Direct Message Box auftauchen, enttarnen schließlich einige Fleißbärchis durch Anrufe im Verlag den Fake Account. Die Financial Times unterhält sich mit mir und ich entscheide mich, Suhrkamp unaufgefordert die Zugangsdaten zum Twitter-Account zu geben, der Witz ist schließlich erzählt und mit einigen hundert Followern der Boden für einen tollen Twitter-Auftritt des Verlags bereitet. Suhrkamp entscheidet sich auch: Sie lassen den Account über Twitter löschen.
Einige Monate später unterhält sich der Spiegel mit mir noch einmal über Suhrkamp. Eigentlich ist das Thema ja durch, ähnlich begeisternd liest sich der Artikel. Suhrkamp kommt dort übrigens auch zu Wort. Bei Twitter sind sie laut Pressesprecherin Anna Reinsch nach wie vor nicht aktiv, sie hätten ja eine Website. Ich kaufe natürlich nach wie vor auch keine Bücher, denn ich habe ja ein Radio. Eine Ausnahme würde ich selbstverständlich machen: Eine Publikation von Daniel Erk, wenn möglich in einem Neuberliner Traditionsverlag, würde mich brennend interessieren.
[...] ist erst einige Monate her, da sorgte der gefälschte Twitter-Account des Suhrkamp-Verlags für Lacher, Stirnrunzeln oder Verärgerung – je nach der eigenen Sicht auf die Dinge. Nun tauchte vor [...]